Supervision ist konzeptgeleitete berufliche Beratung

Supervision ist konzeptgeleitete Beratung im beruflichen Kontext für Menschen, die mit Menschen arbeiten. Das Konzept, das die Grundlage für meine Arbeit als Supervisorin ist, stelle ich hier vor.

Es speist sich sowohl aus meiner systemischen Supervisionsausbildung, als auch aus meiner „beraterischen Sozialisation“ in den Denksystemen von NLP und Gestalt. Methodisch konzeptioniere ich zurückhaltend: Die Methode tritt hinter den vereinbarten Zielen und dem konzeptionellen Metaziel zurück und findet sich im Prozess.

 

Supervision ist ein Beratungsformat im beruflichen Kontext für Menschen, die mit Menschen arbeiten. Die Professionalität der Supervisanden entfaltet sich in Interaktion und Kommunikation mit Menschen: Klienten, Kollegen und Vorgesetzten.

Diese Interaktion und die darin offen und verdeckt gegebenen Aufträge sind das Thema von Supervision. So ist die konkrete und sinnesspezifische Fallarbeit in ihren unterschiedlichen methodischen Spielweisen die durchgängige Arbeitsweise von Supervision, deren Ausgangs- und Bezugspunkt stetig das berufliche Feld ist.

Supervision fokussiert einerseits – und das ist für mich das unterscheidende Proprium von Supervision in Abgrenzung zu anderen Beratungsformaten – auf den (zu erfüllenden) Auftrag und zugleich auf das Menschenbild, die Ethik und die Werte, die das Handeln der Supervisanden in ihrer beruflichen Tätigkeit leiten. So tritt ein fachliches „richtig/falsch“-Denken hinter die (Selbst-)Reflexion der Eigenverantwortlichkeit zurück – wenn gleich berufliche Standards die unabdingbare und somit klärungswürdige Basis des professionalen Tuns sind. In diesem Sinn ist eine entsprechende Feldkompetenz mit einem zumindest rudimentären Wissen um die Paradigmen und grundsätzlichen Spielregeln des Arbeitsbereich bzw. der Einrichtung eine mehr als wünschenswerte Voraussetzung der Supervisorin.

Selbstverständnis als Supervisorin

Noch mehr als im Bereich Coaching ist die Beraterin in Supervisionsprozessen die „Nicht-Wissende“. Ich verstehe mich als Gast, der dazu kommt – in ein bereits existierendes System, das auch außerhalb und nach dem Supervisionsprozess existieren und agieren wird – und der in dieser „fremden Welt“ mit Takt und Respekt zuhört, zuschaut und fragt. Als Supervisorin habe ich keine Lösungen und Antworten – aber Fragen, die Probleme, Herausforderungen und Tabus auf die Bühne locken. Das tue ich im Dienst meines Auftrags, der zugleich von den Supervisanden/der Supervisionsgruppe und von der auftraggebenden Institution ausgesprochen und für mich klar und annehmbar sein muss und mich in meinem supervisorischen Handeln orientiert und bindet.

Supervision ist keine „schnelle Eingreiftruppe“ um akute Konflikte schnell zu befrieden oder wahrgenommene Probleme schnell zu lösen. Supervision ist in meinem Verständnis nicht die Antwort auf empfundene Unzulänglichkeit. Vielmehr braucht Supervision verlässliche Regelmäßigkeit und Selbstverständlichkeit, um ihre Funktion, die die professionelle Kompetenz der Supervisanden und der Institution zu steigern, erfüllen zu können. Sie hat ihren Ausgangspunkt vielleicht in schwierigen Arbeitssituationen, zielt jedoch auf die Ressourcen und Lösungen der Einzelnen und der Institution. Supervision fordert und fördert Erkenntnis- und Lernprozesse, die angesichts der hohen Komplexität und der (häufig widersprüchlichen) Vielfalt an Aufträgen und Aufgaben im beruflichen Feld und der nicht immer optimalen Arbeitsbedingungen die Qualität der beruflichen Arbeit sichern und entwickeln. Um das leisten zu können, muss Supervisionsbedarf die Regel und nicht problemabhängig sein.

Professionalität der Supervisanden und der Institution

Professionelles Handeln im „sozialen Bereich“ (und damit ist die Arbeit mit Menschen gemeint) fordert eine mehrfache Klarheit:

a) Die Klarheit über eigene Motive und Anliegen

b) Die Klarheit über den beruflichen Auftrag, ausgesprochen – und unausgesprochen – durch die Institution und die Klienten

c) Die Klarheit über die institutionellen und strukturellen Bedingungen des Arbeitsfeldes, seine Möglichkeiten und Hindernisse

Eine solche Klarheit ist die Voraussetzung für die Entwicklung zielorientierter Strategien, die angesichts der konkreten möglichen und unmöglichen Bedingungen den jeweiligen Auftrag verwirklichen und die das eigene Handeln an die sich stets verändernden Bedingungen so anpassen, dass der „Systemzweck“ (die Ziele und Aufgaben der Institution/des Arbeitsfeldes) erfüllt werden kann.

Die Qualität sozialer Arbeit macht eben das aus: Ein reflektierter Habitus, eine Haltung, die sich in verantworteter Weise den Anfragen der Klienten stellt und entsprechend handelt. Dem Umgang mit „Fehlern“ gebührt dabei ein besonders wertschätzender Augenmerk.

Supervision ist hier zuvorderst ein Prozess der Selbstreflexion. Das Wahrnehmen und Erkennen eigener Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Handlungsmuster durch die Reflexion subjektiver Erfahrung und der Abgleich mit fachlichen und institutionellen Standards sind die Grundlage für die Fähigkeit, Neues in das Alte integrieren und verantwortet handeln zu können – und damit eine wichtige Voraussetzung für die Berufszufriedenheit auf hohem fachlichen Niveau. Dafür sind Feedbackprozesse, die die eigenen „blinden Flecke“ beleuchten, u.U. das eigene Selbstbild irritieren, aber auch auf über-sehene Ressourcen und Möglichkeiten aufmerksam machen, hilfreich. Das dient natürlich auch der persönlichen Entwicklung des Supervisanden, die supervisorische (Ziel-)Perspektive ist jedoch die Steigerung der (beruflichen) Kompetenz des „professionellen Beziehungsarbeiters“

Soziale Arbeit ist Beziehungsarbeit

Wenn sich die Profession der Klienten von Supervision in Interaktion und Kommunikation entfaltet, ist Supervision auch ein Ort, an dem Beziehungs- und Kontaktmuster explizit zur Sprache/zum Ausdruck kommen dürfen und sollen. Die Zielperspektive ist eine authentische und grenzwahrende, eine kooperative und empathische Kommunikationsweise.

Das Wahrnehmen und Verstehen des eigenen Tuns findet in Supervision einen geschützten Raum, in dem modellhaft neue Erfahrungen gemacht werden können. Hier wird das entlastende„reden über“ und das herausfordernde „reden mit“ geübt, hier wird über Aufträge verhandelt und Konflikte bearbeitet – anlässlich der beruflichen Fallarbeit, im „hier und jetzt“ des Supervisionssettings und gegründet im jeweiligen Sein und Gewordensein des Supervisanden.

Supervision stellt einen solchen Raum zur Verfügung, forciert nicht die Selbsterfahrung um der Selbsterfahrung willen, verwahrt sich therapeutischer „Ausflüge“ in die Lebensgeschichte der Supervisanden und verpflichtet sich dem Auftrag, die Qualität der beruflichen (Beziehungs-)arbeit zu sichern. Der Erwerb von psychohygienischen Copingstrategien kann dabei eine Rolle spielen. Die Arbeitsweise in Supervision muss deshalb von Sicherheit und Ruhe, Vertraulichkeit und Verschwiegenheit, aber auch von mutigem Ansprechen und verunsichernden Perspektivwechseln geprägt sein. Eine vorwurfsfreie und solidarische Atmosphäre der „Fehlerfreundlichkeit“ trägt Arbeit an den subjektiven Erfahrungen und ermöglicht ein „Hinschauen“ auf das, was im täglichen Handeln nicht optimal ist und manchmal mit Gefühlen von Versagen, Schuld und Scham einher kommt. Der geschützte Rahmen der Supervison ermöglicht es, ungeschützt zu sprechen und sich der eigenen Wirklichkeit zu stellen.

Supervision ist in diesem Sinn eine entschleunigte und „liebevoll-zärtliche“ Bearbeitung des Alltagsgeschäfts und ist dadurch in der Lage neue Perspektiven und eine dynamische Balance zwischen widersprüchlichen Anforderungen zu schaffen.

Supervision ist jedoch mehr als eine Selbstreflexion in diesem Sinne: Supervision hat – anders als andere Beratungsformate – immer das gesamte System der beruflichen Arbeit im Blick. Supervision findet immer an der Nahtstelle zwischen dem Einzelnen und der Institution, die den Rahmen für das berufliche Handeln bereitstellt, statt.

Soziale Arbeit ist immer systemische Arbeit

Jedes soziale System funktioniert in einem bestimmten Code, mit einem bestimmten Paradigma, einer bestimmten Institutionskultur, die Regeln zur Interaktion und Kommunikation setzt, um den Systemzweck zu erfüllen. Dieses grundsätzliche – und von anderen Systemen grundsätzlich verschiedene – Paradigma zu kennen, seine Regeln zu entdecken, sich damit – zumindest partiell – zu identifizieren und sie zu gestalten ist Aufgabe professioneller (sozialer) Arbeit. Diese Muster sind überindividuell, prägen die Rahmenbedingungen und die Sozialisation im spezifischen beruflichen Feld. Sie zu kennen ist notwendig, um die innewohnenden Möglichkeiten und Gestaltungspotentiale wahrnehmen zu können. Damit wird das „Lernen der Institution“ möglich, die Weiterentwicklung der systemkonstituierenden Interaktionsmuster im Interesse einer optimaleren Anpassung an die Systemumwelt zur Erfüllung des Systemzwecks.

In Supervision spiegeln sich die Systemregeln, die spezifischen Interaktions- und Kommunikationsmuster, die „typischen“ Umgangsformen mit Konflikten, Herausforderungen – werden erlebbar und bearbeitbar. Der reizvolle Prozess, das (lebensgeschichtlich gewordene) Eigene von den systemisch generierten Dynamiken zu trennen und in seinen Wechselwirkungen zu erkunden ist ein Beitrag zu professioneller Kontakt- und Handlungsfähigkeit.

Der Ausgangspunkt der „Bearbeitung“ – passender erscheint mir da der Begriff der Beobachtung und Bewunderung – institutioneller Dynamiken ist der sinnlich-konkrete und damit „fassbare“ Fall der beruflichen Praxis. Auch die systemische und überindividuelle Dimension von Supervision hat ihren Ausgangspunkt im Erleben des Einzelnen – und in Teamsupervision zudem auch in der Kommunikation eines „gemeinschaftlichen“ Erlebens des Subsystems „Team“. Die kognitive Arbeit an dem „Was tue ich? Wie tue ich das, was ich tue? Wozu tue ich das, was ich auf diese Weise tue?“ auf der Metaebene der humorvollen Distanz kann das Wissen um Hypothesen an die Stelle scheinbaren Wissens um Wahrheiten treten lassen, kann dem scheinbar Unaussprechlichen – den Systemdynamiken – klärende Sprache geben. Darin kann die Gelassenheit wachsen, die die Voraussetzung von Gestaltungsfähigkeit eines sozialen Systems ist. Die professionelle Klarheit über die institutionell-strukturellen, überindividuellen Bedingungen des Arbeitsfeldes, seiner ausgesprochenen und unausgesprochenen Aufträge, seiner Möglichkeiten und Hindernisse differenziert sich aus in ein Nachdenken über die gesetzte und zu gestaltende Berufsrolle, über relevante und irrelevante Einflussfaktoren und über gegebene Ordnungen und Strukturen.

Eine solche Klarheit der eigenen Rolle und Profession ist zudem in multiprofessionell-interdisziplinären Teams und Settings – die zunehmend der Regelfall sozialer Arbeit werden – die Grundlage für gelingende Kooperation und Kommunikation: „Ich weiß, wer ich bin und was ich tue (und was ich tun soll) – erzähl Du mir, wer Du bist, was Du tust und tun sollst. So finden wir einen gemeinsamen Weg, auf dem jeder das tun kann, was gut ist für die Menschen, für die wir arbeiten.“

Auch dieses „Arbeiten in Distanz“ ist modellhaft für die alltägliche Arbeit im Feld, für die Arbeit in einer professionellen Balance von Nähe und Distanz: Ganz dabei und dennoch fähig einen Blick auf's Ganze zu richten, darin Ordnung und Ziel zu entdecken und das eigene berufliche Handeln immer wieder neu zu justieren – eine wesentliche Voraussetzung für engagiert-nachhaltiges und zufriedenes, qualitativ hochwertiges, beruflich-professionelles Handeln, das wohl der beste Schutzfaktor vor chronischer Überforderung ist.

Supervision stellt sich der wert-vollen Frage nach dem Sinn

Spiritualität und Supervision scheinen zunächst auf Grund der zu Recht geforderten weltanschaulichen Neutralität nichts miteinander zu tun zu haben. Ich bringe den Begriff hier nicht religiös geprägt ein, sondern verstehe Spiritualität im Sinn der Neurologischen Ebenen des NLP: Jeder Situation wohnt ein Sprit inne, ein „Geist“, der die Person motiviert und zum Handeln drängt. Hier geht es um Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen, um das was der konkreten Handlung Sinn gibt, um das was Identität stiftet und Werte orientiert. Es ist der Bereich des „Guten, Wahren und Schönen“, der absolut gültig ist für den Einzelnen, wenn man so will: Der ur-sprüngliche Ort aller Ressourcen und die Heimat ureigenen Vision von dem, wie die Welt sein soll. Hier findet sich die Antwort auf das „Warum tue ich das, was ich tue, eigentlich?“ Menschen, die im Kontakt mit diesem Spirit sind, haben Zugang zu ihren Ressourcen, haben Klarheit über das, was sie wirklich! wollen und wissen – oft auch intutitiv – wie sie mit Herausforderungen umgehen können. Die ganzheitlich gelebte Ethik, das persönlich verbindliche und handlungsleitende Menschenbild erwachsen hier. Die Intuition, die neben der Fachlichkeit das zweite Standbein sozialer Interaktion und Kommunikation ist, nährt sich aus dieser Quelle.

Nun ist Supervision kein Meditationskurs und keine Schule der Achtsamkeit – sie tut jedoch gut daran, die Konzentration auf das Wesentliche, auf das wirklich! Wichtige, das Schweigen, das Hören auf die „innere Stimme“, die Verlangsamung und die Bewusstheit einzuüben. Ganz ohne Klangschale, Weihrauch und mystischer Musik: Bodenständig und selbstverständlich. Für diese Dimension des beruflichen Handelns eine Sprache zu finden, ist ein nicht unwichtiger Bestandteil professioneller Kommunikationsfähigkeit und der ethischen Verortung, die schließlich handlungsleitend für das konkrete berufliche Tun – nicht nur für Theologen, sondern für jeden, der mit Menschen arbeitet, die selbst vor ethischen Herausforderungen stehen. Und auch das gilt auf der individuellen Ebene des personalen Systems des Supervisanden in der Frage nach seinen motivierenden und handlungsleitenden Werten und Ideen, wie auch überindividuell: Welcher „Geist“ herrscht in der Institution, welche Werte und Ideen sind dort – in Leitbild und gelebter Praxis – wirklich! wichtig?

In einem in diesem Sinne ganzheitlichen Supervisionsverständnis, das die ethische und spirituelle Dimension ebenso wahr- und ernstnimmt wie die Rollenklärung/-gestaltung der Einzelnen und die systemische Verwobenheit der individuellen Kommunikation und Interaktion mit der Institutionskultur, entscheidet sich die Nachhaltigkeit von Supervision.

Supervision arbeitet nicht nur für eine „bessere“ Qualität im beruflichen Alltag. Supervision selbst ist – jedenfalls im besten Fall – best practice und hat modellhaften Charakter für die berufliche Arbeit der Supervisanden..

 

Supervision ist ein Beratungsetting, das Räume öffnet:

Einen

  • Freiraum, in dem berufliche Praxis in entschleunigter Distanz betrachtet werden kann,

  • Erkundungsraum in dem die dem beruflichen Alltag innewohnende Dynamiken erkundet und befragt werden können,

  • performativer Kontaktraum , in dem nährende Beziehungserfahrungen gemacht werden können,

  • Übungsraum, der zu Experimenten für die Alltagspraxis einlädt.

  • Hier findet sich der Möglichkeitsraum, der die Chancen des als Problem empfundenen erkennen lässt und auch

  • ein wert-voller Raum, in dem Sinn gesucht und gefunden wird.

In diesen supervisorischen Räumen können Lernprozesse initiiert werden, die die Qualität der professionellen sozialen Arbeit sichern und vertiefen.